Skip to content

Tatort Leipzig: besser plakativ als eine langweilig Sozialstudie

"Frühstück für immer" – Krimi gelungen, Sozialstudie für den Arsch.

Die Zutaten zum Tatort aus Leipzig waren kaum anders als sonst üblich: Bizarre Welten, die feine Gesellschaft, ein bisschen Softsex, anreichertet mit einer weichgespülten Sadomaso-Welt. Schon nach kurzer Zeit ahnt man: drei verdächtige Männer, die’s nicht sein können. Also war es eine Frau, dun also war das Mordmotiv Eifersucht. Das war es in letzter Zeit häufiger, nicht nur im Tatort.

Der STERN-Kritiker Jens Wiesner ist nicht zu beneiden. Er fordert großes Kino, bewegende Gefühle und schreibt: „Es hätte eine tieftraurige und bewegende Studie in Sachen Einsamkeit, gesellschaftlicher Erwartungen an Frauen und ihren Umgang damit werden können.“ Hätte er wohl gerne gehabt. Aber erstens ist es nur das übliche Scheißfernsehen, das möglichst anspruchslose Unterhaltung mit einem Schuss unverträglicher Moralinsäure bieten muss. Eine „Studie in Sachen Einsamkeit?“ - da kann ich nur Hohnlachen – zur Tatort-Sendezeit? Im Ersten? Da ist für echte Gefühle doch viel zu wenig Platz – und im Krimi sowieso nicht.

Ist es dennoch eine Charakterstudie der Frauen über 40? Wohl kaum. In nahezu allen Kritiken wird heute ein Satz hervorgehoben, der vielleicht zu Anfang der 1970er Jahre galt: „Wenn wir in ein gewisses Alter kommen, dann verschwinden wir Frauen einfach so aus den Blicken der Männer. Das ist dann manchmal so, als wär' man gar nicht mehr da“. Richtig ist: Das war einmal so. Und richtig ist auch, dass es mit jedem Lebensjahr über 35 für eine Frau schwerer wird, einen Partner zu finden. Aber der größte Teil der ledigen Frauen, der um die 40 herum sucht, hat, verdammt noch mal, einen egoistischen Eigenanteil daran, weiterhin allein zu sein.

Im Tatort handelten Abziehbilder statt Personen

Ich kann nicht umhin, die „Personen“ im Stück als „Figuren“ zu bezeichnen. Außer der Toten, die wir naturgemäß nicht lange lebend sehen, treffen wir nicht auf Frauen, sondern auf Abziehbilder anspruchslos aufgebauter Charaktere, die allesamt wie künstlich gealtert wirken, mit aufgeschminkter Tristesse. Den weiblichen, verholzten und bisweilen wie Zombies agierenden Gestalten setzt die Autorin typische männliche Klischees entgegen: Einen überkandidelten Flirtcoach, der nichts kann als ein paar Hohlsprüche abzulassen, beispielsweise. Er ist nicht einmal überzeichnet, die Männer des Reallebens, die den „PUA“-Stuss verkaufen, haben noch weitaus ekelhaftere Sprüche drauf. Der Schönling, mit dem sich die Tochter des Opfers umgibt? Na, der ist zwar hohl im Kopf, aber offenbar ein Mann, den die Tochter will – vielleicht passt die Intelligenz beider ja aufeinander. Schließlich der Schönheitschirurg, der ein geheimes Liebesnest mit einer niedlichen Sammlung von Soft-SM-Geräten unterhält. Ob die Drehbuchautorin die Szenen von vornherein mehrfach weichgespült hat oder ob es die potenzielle Abscheu der Zuschauer vor SM-Szenen ist: Es wird nicht recht klar, worin die Lust der Frauen am Extremsex nach Art der „Shades of Grey“ oder gar der Realität besteht. Zwar darf der Zuschauer einen kurzen Blick auf eine eigentlich sehr hübsch gespielte Szene werfen, in der außer den bedien Akteuren auch noch das Streicheln mit einer Peitsche eine Rolle spielt, aber grade dadurch wird die SM-Szenerie eher ein aufgesetztes Beiwerk.

Bleiben wir bei Emotionen: Abziehbilder haben keine Emotionen. Ob die Chirurgen-Gattin in Strapsen vor ihrem Mann erscheint, um endlich auch mal so behandelt zu werden wie die Gespielinnen, oder ob sie später bei der Vernehmung in einem Tränenstrom zu ersticken droht – alles wirkt wie aus einem Comicstrip.


Ich wundere mich, dass der Mutter-Tochter-Konflikt nicht stärker hervorgehoben wurde – vielleicht, weil er der Autorin am Ende peinlich war? Weil er nur dazu dienen sollte, einen zusätzlichen Verdächtigen einzuführen? Der Konflikt versandete in der Geschichte immer mehr – wie überhaupt alle Konflikte im Film seltsam starr an der Oberfläche herumschwammen.

Was blieb, war immerhin eine Geschichte, die ein klein wenig anders war als das Übliche, und bei der zumindest die Umstände des Mords bis zuletzt nur schwer zu erraten waren. Man könnte also sagen: Krimi gelungen – „Sozialstudie“ für den Arsch.

Zitat aus "STERN".

Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Formular-Optionen