Skip to content

Nachruf auf den Tingeltangel

Im Tingeltangel - typisch sind die Damen, die "Schausitzen"
Was ist ein Tingeltangel? Ich bedaure, es so sage zu müssen: Nur der Volksmund weiß es. Denn die Herkunft des wundersamen Wortes ist leider unbekannt. Sollte der Wortschöpfer wirklich jener Student gewesen sein, der dem „Volkssänger“ Gotthold Tangel, dem der Satz zugeschrieben wir: „Tangel, lassen Sie doch endlich mal das verflixte Tingeln, das ist ja der reinste Tingel-Tangel!“ Wahr daran ist nur, dass Tangel wirklich tingelte. Aber – jeder andere tingelte schließlich auch, denn als „tingeln“ bezeichnete man das Absammeln von Geld – eine Eigenart fahrender Sänger und Musikanten.

Zum "Berauschen des Herzens": Der Gang in den Tingeltangel

Weniger wahrscheinlich ist, dass der Tingel-Tangel aus dem damals recht bekannten Triangel-Lied hervorgegangen ist, während ganz sicher ist, dass der Begriff zuerst 1871 schriftlich auftaucht. Demnach war der „Tingel-Tangel“ ein Ort, an dem Konzerte fürs Volk gegeben werden, die „herzberauschend“ und sinnbestrickend“ waren – man darf dabei schon annehmen, dass sie eben auch frivol waren.

Einige Jahre später wurde die Obrigkeit noch deutlicher: Der Tingeltangel gefährde die öffentliche Moral, gemeinsame mit „Singspielhallen“, „Salon Varietés“ und „Cafés Chantants“, also alles Plätze, die vom „anständigen“ Publikum besser nicht besucht werden.

Jahrzehnte später gerät der Tingeltangel dann endgültig in Verruf. Nach heutigem Verständnis handelte es sich dabei um „Animierlokale“, in denen zwar keine „Schönheitstänze“ (1), aber betont frivole Gesänge dargeboten wurden. Dabei wurde vor allem bemängelt, dass sich die Damen im Anschluss an die Darbietungen „in ihrer Bühnengarderobe“, ins Publikum setzten, um die Herren zum Trinken zu veranlassen. „In Ihrer Bühnengarderobe“ war eine höfliche Umschreibung für die freizügige Darbietung von Brüsten und Beinen, die bei den Sängerinnen und Tänzerinnen üblich war.

Dabei unterschied sich der Tingel-Tangel gegen 1900 deutlich von anderen Kabarettdarbietungen, was 1907 öffentlich dokumentiert wurde. Demnach wurden in Tingel-Tangels die „niederen Instinkte, namentlich die Geschlechtslust“ angesprochen, und was die „Mädchen“ in solchen Etablissements taten, wurde verharmlosend als „Zurschausitzen“ bezeichnet.

Der Tingeltagel - von erotischen Kabarett zum Animierlokal

Der Tingeltangel und alles, was ihm gleichkommt, war also gegen 1900 das, als was es später galt – ein Ort, an dem erotische Begegnungen feilgeboten wurden, ohne dass man gleich von „Prostitution“ sprechen konnte. Mit den Jahre wurde das Niveau dort allerdings immer mieser, und aus dem Tingeltangel wurde das „Animierlokal“, das schließlich im zum Nepplokal verkam. Indessen gab es in Deutschland noch bis in die 1960er Jahre hinein noch Bars und Cafés, in denen die „Damen“ wie die Hühner auf der Stange auf Barhockern saßen. Sie warteten darauf, von solventen Herren angesprochen zu werden, wobei der eigentliche Zweck darin lag, bis zum nächsten Morgen mit dem Herrn ein durchaus edles Hotelzimmer zu teilen. Möglicherweise überlebte die eine oder andere Bar dieser Art bis heute.

Ein Vorzug dieser Etablissements war die Freizügigkeit, mit der die Damen ihrer Konversation führten – nirgendwo sonst konnten Herren derartig freizügig über die Sexualität sprechen – und dabei wanderte durchaus auch mancher sinnreiche Tipp von Frau zu Mann. Die lockere Verhaltensweise der Damen lockte neben notgeilen Provinzlern auch Journalisten, Schriftsteller, Zeichner und Maler an – jene fühlten sich oft mit den Damen verbunden, sodass gelegentlich eine augenzwinkernde Solidarität entstand.

Warum dann der Abgesang? Weil der Tingeltangel nun aus dem Duden verschwindet – schon 2013 wurde es offiziell bekannt gegeben. Und bald wird niemand mehr wissen, was gemeint war, als ein verirrter Germane statt zum Thing zum Tingeltangel ging.

Bild: Im Tingeltangel, 1896. (Hans Baluschek)
(1) "Schönheitstänze" war der verschleiernde Begriff für Nackt- und Schleiertänze, in Neudeutsch "Striptease".
Quellen: "DUDEN", Wortfriedhof 2013, und "Das Varieté", Berlin 1990, aus dem auch die meisten Zitate stammen.