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Cinderella: die Lieblingsgeschichte der Frauen – auch erotisch?

Cinderella flieht, bevor die Zauberkraft nachlässt
Ob es sich um eine „reine“ Liebesgeschichte handelt oder um eine erotisierte Lovestory – das Cinderella-Thema ist allgegenwärtig. Doch was bezeichnet man nun als Cinderella-Thema, und wie wird es heute erotisch umgesetzt?

Cinderella ist in der heutigen Literatur die typische Aufsteigerin mit Ansprüchen, die ihre Ziele nicht durch Fertigkeiten und Fähigkeiten erreicht, sondern durch magischen Charme. Sie selber glaubt, einen Anspruch auf den Aufstieg zu haben, aber ihre Chancen sind gering. Die gegenwärtige Cinderella ist selten ein wirkliches Aschenbrödel, also jemand, der in Sack und Asche lebt. Sie muss nur als deutlich „ärmer“ dargestellt werden als der Held, der ihren Wert erkennt.

Der typische männliche Held in einer Cinderella-Geschichte ist deshalb deutlich mächtiger und wohlhabender – ehemals ein Königssohn, heute ein Spitzenmanager der Wirtschaft. Anders als im Märchen muss er nicht zwangsläufig gut und edel sein, sondernd darf durchaus moralische Abgründe haben, die unsere Cinderella zugleich abschrecken und faszinieren.

Ob weitere Charaktere nötig sind, richtet sich nach Art und Umfang der Geschichte. Bekanntlich waren die Widersacherinnen der Cinderella durchtriebene, selbstgerechte und habgierige Prinzessinnen, die sich heute recht gut als zickige Luxusfrauen darstellen lassen.

Cinderella - Hauptsache, sie ist "irgendwie" arm

Cinderella-Geschichten haben eine nahezu unendliche Variationsbreite – schon allein deshalb ist das Thema unter Autorinnen stets beliebt. Erstaunlicherweise gibt es sogar vom grimmschen Märchen (1) romantische, tiefenpsychologische und emanzipatorische Interpretationen.

Die heutige Heldin kann:

- Wirklich arm geboren sein.
- In die Armut getrieben worden sein.
- Vom Reichtum in die Armut (Scheidung) geschliddert sein.
- In die Prostitution abgeglitten sein.
- Aufgrund ihrer Herkunft gedemütigt werden.
- Aufgrund ihres Verhaltens verachtet werden.
- Einen Beruf mit wenig Prestige ausüben.
- Künstlerin sein.

Die "Cinderella" wird von Frauen durchgehend positiv bewertet

In der weiblich dominierten Literatur ist das Bild der Cinderella durchgehend positiv – vielleicht sogar „initiativ und wirkungsmächtig“, und sie wird dann beispielsweise so gesehen:

Sie ist die couragierte Tochterfigur, die aus mütterlichen Bezirken heraustritt, erfolgreich mit weiblichen Peers konkurriert, um sich dann im privilegierten Paarstatus neu zu positionieren.


Nur am Rande soll hier deshalb bemerkt werden, wie zweifelhaft der Charakter der Cinderella ist, einer Frau, die glaubt, Ansprüche zu haben, und die diese mit Magie durchzusetzen versucht. Doch gleich, was Sie darüber denken – für die Entwicklung einer erotischen Cinderella-Geschichte können die bereits erwähnen „Peers“ wichtig sein, die als Konkurrentinnen um die Gunst des Helden auftreten können.

Die heutige Cinderella ist eine Fremde in der Welt der Reichen

Die Geschichte einer Cinderella (gleich ob erotisch oder nicht) wird heute davon geprägt, dass die Heldin einen Zwiespalt durchlebt. Anders als im Märchen, in dem die Heldin das Geschehen im Haushalt der Reichen und Mächtigen ja aus eigener Sicht kennt, ist das "Leben der Reichen" der heutigen Cinderella fremd – und üblicherweise zugleich faszinierende und abstoßend. (2) Die Peers (Kolleginnen, Freundinnen) werden ihr teilweise in gutem Glauben abraten, die Bezeihungen zum „reichen Mann“ einzugehen, teils aber auch aus einer Konkurrenzsituation – auch dies lässt sich hervorragend zu einer Geschichte verarbeiten. Wer nahe am Märchen bleiben will, kann dafür sorgen, dass die Konkurrentinnen dabei emotional oder gar körperlich Schaden erleiden.

Es muss nicht immer ein Mann sein

Auf den oder die männlichen Helden dieser Geschichten will ich hier nicht eingehen, denn auch im Märchen spielt der Held nur eine Nebenrolle. Indessen liegt noch ein weites literarisches Feld brach, auf dem die Cinderella nicht einem Mann, sondern einer Frau verfällt.

Obgleich die Cinderella sowohl naiv-romantischen wie auch intellektuell-feministischen Frauen gefällt, ist sie doch keine Universalfigur, die allen Frauen entgegenkommt. Insbesondere Frauen, die sich ihrer erotischen Kompetenzen und Fähigkeiten bewusst sind, sagte der Charakter der Cinderella oftmals nicht zu. Doch davon soll ein anders Mal die Rede sein.

(1) Das „Grimmsche“ Märchen ist ein Plagiat, wie so viele angeblich „gesammelte“ Märchen der Gebrüder Grimm. Urheber war der französische Dichter Charles Perrault, der das Märchen wiederum aus der Sammlung von Giambattista Basile entlehnte.
(2) Zuletzt in den "50 Shades of Grey", einem modernen, mit SM-Elementen unterlegten Cinderella-Roman.
Bild: K.H. Schadd, [1869] Cinderella/ Cendrillon/Aschenbrödel (Ausschnitt)