Skip to content

Die dampfende Tasse Tee – ein Klischee

Ob Kaffee oder Tee - es ist nicht die "dampfende Tasse", sondern der Duft, der ihr entströmt


Heute will ich Ihnen an einem sehr einfachen Beispiel verdeutlichen, was ein Klischee für Autorinnen und Autoren bedeutet. Das Beispiel, das ich gewählt habe, ist so populär, dass es sogar Übersetzungsvorschläge ins Englische gibt.

Es ist, wie Sie anhand meines Titels unschwer ermitteln können, die dampfende Tasse Tee. Sie findet in manche gefühlsbetonte Erzählungen Eingang, und Sie können fast sicher sein, dass sie dort nicht hinpasst, wo sie vor sich hin dampft.

Zunächst die Logik - "dampfende Tassen"

Lassen Sie mich zunächst einmal logisch vorgehen, obwohl dies schreibende Damen in der Regel nervt. Tassen dampfen nicht, weil sie aus Materialen hergestellt sind, die ihren Aggregatzustand normalerweise nicht verändern. Nun könnte man einwenden, bei einem süffigen Glas Bier sei ja auch nicht das Glas süffig, sondern das Bier. Der Streit ist alt: Ist eine "Tasse Tee" eine Tasse, in der sich Tee befindet? Oder ist eine Tasse Tee ein Maß für den Tee, so, wie man im Restaurant „eine Tasse“ Kaffee oder Tee bestellt? Hier gibt es spitzfindige Definitionen: Zwei Glas Bier oder zwei Gläser Bier? Bei Tassen finden wir den Begriff des Maßes nicht: „Hatten Sie zwei Tasse Tee?“ Aber nein, ich hatten zwei Tassen Tee.“

Ich hoffe, Sie haben nach diesen Ausführungen noch alle Tassen im Schrank. Sehen wir uns lieber mal an, wann der Tee dampft, den ohne Zweifel könnte der Tee in den Tassen dampfen. Dann hat Eva keine „Tasse dampfenden Tee vor sich“, sondern „der Tee in Evas Tasse dampfte noch und sandte heimelige Gerüche aus.“ Das klingt solange sinnreich, wie der Tee und sein Duft in der Geschichte eine Rolle spielen, und – soweit der Tee wirklich dampft.

Dampft Tee überhaupt?

Nun dampft aber ein Heißgetränk in einem zentralbeheizten Büro oder im Boudoir einer Dame, wenn überhaupt, nur für kurze Zeit und kaum sichtbar. Anders verhält es sich möglicherweise auf einer ungeheizten Hütte im Winter, in der das junge Paar Unterschlupf findet. Hier kondensiert der Wasserdampf sich zu winzigen Töpfchen, die wir als „Dampf“ auf dem Tee entdecken können. In dieser Situation kann der Autor der Geschichte den Dampf wirklich zum Leben erwecken.

Die „dampfende Tasse Tee“ ist also ein Klischee, das sich hundertfach „abziehen“ lässt, eine Sprachschablone ohne Inhalt. Sei wird verwendet, um insbesondere romantischen Liegegeschichten den Anschein von sinnlichen Gefühlen zu geben.

Keine dampfenden Tassen, sondern die Gefühle, die der Dampf auslöst

Wenn Sie den Tee in eine Geschichte einführen, beschreiben Sie stattdessen den Duft, den er aussendet, den Geschmack, den Sie auf der Zunge behalten und das wohlige Gefühl der Wärme, das er in Ihrem Körper entfaltet.

Bild: Henri Meunier, Poster, 1897