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Tatort vom Bodensee - Mord aus Güte?

Das Gute: In diesem Tatort "Côte d’Azur" waren nicht die bösen, von Raffgier oder Eifersucht getriebenen Kapitalistenschweine die modernden Bestien.

Mord mit sozialromantischem Hintergrund

Nein, nein, diesmal war es ein sozialer Romantiker, der das beste für einen Säugling wollte und deswegen mit der stumpfen Seite eines Hackebeilchens die Mutter tötete – übrigens im Wahn, der Vater zu sein. Möglich wäre es gewesen, denn die Mutter vögelte – stets besoffen – mit allen Männern herum, die sie traf.

Die erschlagene Mutter war eine äußerst zwielichtige Person. Kombinierte Hartz IV mit allen Tricks eines selbstsüchtigen Luders und beherrschte dies offensichtlich in ihren etwas nüchterneren Momenten perfekt. Nur war ihr der Säugling im Weg, der in ihrem Leben zwischen den Fronten von arm und reich immer mehr zur Last wurde.

Da waren noch die anderen Guten, die auch nicht so gut waren: Erstens ein Ermittler. Dem wird eine dusselige Information genau so überspielt, wie sie per SMS ankam – mehrdeutig. Und weil seine ruppige, alternde Kollegin daran einen Fehler sieht (nicht ihren Fehler, versteht sich), versucht sie den Psychoterror: Schlechtes Gewissen einreden.

Tote Mutter - gute Mutter?

Das funktioniert. Kommissar zwei, männlich, jung, sitzt tagelang am Bett des beinahe erfrorenen Säuglings, hat offenbar sonst nichts zu tun. Redet mit dem Kinderarzt, der – nach gründlicher Abwägung der Lage – froh ist, dass die Mutter tot ist. Der Zuschauer kann nun wählen zwischen der Meinung der Kommissare, das eine Mutter, die ihr Kind schädigt, immer noch besser ist als eine tote Mutter und der Meinung des Arztes, eine tote Mutter sei ein Segen für das bereits misshandelte Kind.

Die nette Folter-Kommissarin

Oh ja – Sozialdrama. Das sowieso. Und Drogen. Andere als Alkohol und Alkohol selbst. Klar können Menschen so sein – aber wollen wir die wirklich sehen? Und wird ein Sozialdrama glaubwürdiger, wenn man gleich eine ganze Gruppe Gestrauchelter zeigt, die doch eigentlich noch „ganz nett“ sind? Na ja, und am Ende hilft dann Frau Kommissarin auch noch einer suchtkranken Frau, die sie zuvor der Folter des kalten Entzugs ausgesetzt hat. Da wollte „Mutti“ Kommissarin wohl auch mal nett sein.

Ein bisschen Klamotte fürs Volk - und Ernst für einen ZEIT-Kritiker

Daneben ein bisschen Klamotte um Weihnachten, Weihnachtsmänner, Orang-Utans und Musikproduzenten und das alles – ich vergaß es fast, in Vorfeld der „Stillen Heiligen Nacht“, die am Ende auch für den Kitsch herhalten musste. Und nur der Zeit-Kritiker, der die Sache offenbar ernst nahm, schrieb:

Der Musikproduzent Jürgen vereint die schlechten Eigenschaften sämtlicher Außenseiter auf sich. Er ist exzentrisch, alkoholkrank und misogyn (1). Rechtfertigen müssen sich aber nur die Mittellosen und Solidarischen. Ein Deutsches Trauerspiel.


Ach, hatte ich mich nicht zu Anfang gefreut, dass es diesmal keine sozialistischen Gerechtigkeitstendenzen gab? Nun sind sie wieder da. Von der ZEIT hätte ich sie freilich nicht unbedingt erwartet.

Passen Sie, lieber Leser, bitte auf, dass Sie (falls Sie Musikproduzent, Künstler oder Schriftsteller sind, bitte immer auf, dass sie nicht "die schlechten Seiten sämtlicher Außenseiter auf sich vereinigen".

Zitat: DIE ZEIT.
(1) Anmerkung: Das Fremdwort "misogyn" bedeutet "frauenfeindlich".

Krimi-Klamotte als TATORT aus Frankfurt

Die Presse kommt aus dem Lobhudeln über den neuen Tatort-Krimi gar nicht heraus: ja, das war mal etwas. Nicht wahr? Da erweisen sich ganze Abteilungen der Sitte als Komplizen der Mafia, und auch beim Morddezernat wird kräftig verschleiert. Muss einfach sein, weil die Guten eben auch nicht so gut sind.

Ach ja. Alles deutet auf Selbstmord, war es aber nicht. Ja, wenn es das gewesen wäre – wozu dann der Aufriss, einen Krimi zu schreiben? Der Zuschauer ahnt: Klar war es Mord. Und dann? Man fragt sich, ob man in einer Boulevardklamotte ist, oder in einer Ermittlung. Persönliches ist gefragt, Tatsachen oder gar Ermittlungsarbeit werden nebensächlich, genau wie die Handlung. Erst purzeln Münzen auf die Straße, dann flattert ein Geldschein herunter. Und schon denkt man: hey, da kommt doch noch etwas? Tatsächlich fällt schließlich (platsch!) ein Mensch herunter, der dabei ein Autodach verbeult.

Ein anderer Mensch, seines Zeichens Polizist (Sitte) wird parallel von einem weiteren Polizisten (ebenfalls Sitte) erschossen. Später wird seine sterbliche Hülle aufgefunden, natürlich von einem Gauner. Doch leider verbleibt dessen Körper im Kofferraum eines Autos, das … ach, welche glückliche Fügung – bei einem Schrotthändler deponiert wurde. Schon denkt man: Aha, und wann wird es geschreddert? Es wird – mitsamt der Leiche. Welch toller Einfall, nicht wahr?

Oh ja, toll. Aber wird werden aufgeklärt: zum Beispiel vom Tagesanzeiger, der schreibt (wohlmeinend, aber vielleicht sogar zutreffend):

Klar, dass der Drehbuchautor Erol Yesilkaya keinen realistischen Kriminalfall inszenieren, sondern Klischees und Konventionen hinterfragen wollte.

Für eine Kriminalsatire reichte es aber nicht, weil die Stellen zum Lachen fehlten – und die Figuren nicht „überzogen“ genug waren. Klar ist die Psychologin Anna Janneke ein bisschen neben der Spur, klar ist Kollege Paul Brix ein einsamer Wolf mit eigenen Gesetzen. Aber das reicht eben nicht – und mal ehrlich, heute ist „Kottan ermittelt“ auch nicht mehr so witzig, wie es mal war.

Ach ja – die Presse meint überwiegend, das sei Autor und Regie eine ganz große Nummer gelungen. Und fragt, was der typische Zwerg Nase, der „Tatort“ sieht, nun wirklich wissen will. Was ist eigentlich mit dem Kommissar und seiner eigenartigen Mitbewohnerin? Und wie wird sich das Verhältnis von Kommissar und Psychologin entwickeln?

Ein Kriminalfilm? Eine Krimisatire? Ein Sammelsurium schrulliger Typen? Nein, nein: Irgendetwas muss das Fernsehen ja am Sonntagabend bringen. Und erwartet wird ein „Tatort“. Also wird auf Biegen und Brechen einer gebastelt. Und heraus kommt dann eben eine Krimi-Klamotte.

Tatort Leipzig: besser plakativ als eine langweilig Sozialstudie

"Frühstück für immer" – Krimi gelungen, Sozialstudie für den Arsch.

Die Zutaten zum Tatort aus Leipzig waren kaum anders als sonst üblich: Bizarre Welten, die feine Gesellschaft, ein bisschen Softsex, anreichertet mit einer weichgespülten Sadomaso-Welt. Schon nach kurzer Zeit ahnt man: drei verdächtige Männer, die’s nicht sein können. Also war es eine Frau, dun also war das Mordmotiv Eifersucht. Das war es in letzter Zeit häufiger, nicht nur im Tatort.

Der STERN-Kritiker Jens Wiesner ist nicht zu beneiden. Er fordert großes Kino, bewegende Gefühle und schreibt: „Es hätte eine tieftraurige und bewegende Studie in Sachen Einsamkeit, gesellschaftlicher Erwartungen an Frauen und ihren Umgang damit werden können.“ Hätte er wohl gerne gehabt. Aber erstens ist es nur das übliche Scheißfernsehen, das möglichst anspruchslose Unterhaltung mit einem Schuss unverträglicher Moralinsäure bieten muss. Eine „Studie in Sachen Einsamkeit?“ - da kann ich nur Hohnlachen – zur Tatort-Sendezeit? Im Ersten? Da ist für echte Gefühle doch viel zu wenig Platz – und im Krimi sowieso nicht.

Ist es dennoch eine Charakterstudie der Frauen über 40? Wohl kaum. In nahezu allen Kritiken wird heute ein Satz hervorgehoben, der vielleicht zu Anfang der 1970er Jahre galt: „Wenn wir in ein gewisses Alter kommen, dann verschwinden wir Frauen einfach so aus den Blicken der Männer. Das ist dann manchmal so, als wär' man gar nicht mehr da“. Richtig ist: Das war einmal so. Und richtig ist auch, dass es mit jedem Lebensjahr über 35 für eine Frau schwerer wird, einen Partner zu finden. Aber der größte Teil der ledigen Frauen, der um die 40 herum sucht, hat, verdammt noch mal, einen egoistischen Eigenanteil daran, weiterhin allein zu sein.

Im Tatort handelten Abziehbilder statt Personen

Ich kann nicht umhin, die „Personen“ im Stück als „Figuren“ zu bezeichnen. Außer der Toten, die wir naturgemäß nicht lange lebend sehen, treffen wir nicht auf Frauen, sondern auf Abziehbilder anspruchslos aufgebauter Charaktere, die allesamt wie künstlich gealtert wirken, mit aufgeschminkter Tristesse. Den weiblichen, verholzten und bisweilen wie Zombies agierenden Gestalten setzt die Autorin typische männliche Klischees entgegen: Einen überkandidelten Flirtcoach, der nichts kann als ein paar Hohlsprüche abzulassen, beispielsweise. Er ist nicht einmal überzeichnet, die Männer des Reallebens, die den „PUA“-Stuss verkaufen, haben noch weitaus ekelhaftere Sprüche drauf. Der Schönling, mit dem sich die Tochter des Opfers umgibt? Na, der ist zwar hohl im Kopf, aber offenbar ein Mann, den die Tochter will – vielleicht passt die Intelligenz beider ja aufeinander. Schließlich der Schönheitschirurg, der ein geheimes Liebesnest mit einer niedlichen Sammlung von Soft-SM-Geräten unterhält. Ob die Drehbuchautorin die Szenen von vornherein mehrfach weichgespült hat oder ob es die potenzielle Abscheu der Zuschauer vor SM-Szenen ist: Es wird nicht recht klar, worin die Lust der Frauen am Extremsex nach Art der „Shades of Grey“ oder gar der Realität besteht. Zwar darf der Zuschauer einen kurzen Blick auf eine eigentlich sehr hübsch gespielte Szene werfen, in der außer den bedien Akteuren auch noch das Streicheln mit einer Peitsche eine Rolle spielt, aber grade dadurch wird die SM-Szenerie eher ein aufgesetztes Beiwerk.

Bleiben wir bei Emotionen: Abziehbilder haben keine Emotionen. Ob die Chirurgen-Gattin in Strapsen vor ihrem Mann erscheint, um endlich auch mal so behandelt zu werden wie die Gespielinnen, oder ob sie später bei der Vernehmung in einem Tränenstrom zu ersticken droht – alles wirkt wie aus einem Comicstrip.


Ich wundere mich, dass der Mutter-Tochter-Konflikt nicht stärker hervorgehoben wurde – vielleicht, weil er der Autorin am Ende peinlich war? Weil er nur dazu dienen sollte, einen zusätzlichen Verdächtigen einzuführen? Der Konflikt versandete in der Geschichte immer mehr – wie überhaupt alle Konflikte im Film seltsam starr an der Oberfläche herumschwammen.

Was blieb, war immerhin eine Geschichte, die ein klein wenig anders war als das Übliche, und bei der zumindest die Umstände des Mords bis zuletzt nur schwer zu erraten waren. Man könnte also sagen: Krimi gelungen – „Sozialstudie“ für den Arsch.

Zitat aus "STERN".