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Thema Verführungen: Abgegrast oder noch interessant?

Verführerinnen und Verführer - wie Sie darüber schreiben können


Verführungen sind das Salz in der Suppe der erotischen Literatur, weil in ihnen ein natürlicher Spannungsbogen liegt, den die Autorin nur mit Leben füllen muss.

Eine erotische Verführung beruht auf zwei (selten mehr) Personen, denen unterschiedliche Rollen zugewiesen werden. Eine der Personen agiert als aktiver Verführer, der zumeist „alle Register“ zieht, um sein Ziel zu erreichen. Die andere Rolle fällt der zu verführenden Person zu. Sie befindet sich üblicherweise in dem Zwiespalt, sich mit einem Teil ihres Wesens zu verweigern, mit einem anderen, eher geheimen Teil ihrer Psyche aber durchaus bereit zu sein, sich dem Verführenden auszuliefern.

Das bedeutet: Zu Anfang Ihrer Geschichte besteht kein Konsens zwischen beiden, und das Ergebnis der Verführung ist offen. Je nachdem, wie Sie das Metier der Schreibkunst beherrschen, können sie nun den Zwiespalt farbig ausmalen. Dabei schildern Sie möglichst intensiv die „beiden Seelen in der Brust“ der Heldin abspielen, während die Stichworte durch die Aktivitäten des Verführers vorgegeben werden. Ich kann nur empfehlen, solche Geschichten sehr direkt aus der Sicht der Heldin, also der Verführten, zu erzählen.

Abgegrastes Thema Verführung?

Allerdings ist das Thema der Verführung inzwischen bis auf den Rasen abgegrast, sodass es großer Erzählkunst bedarf, um Leserinnen für „ganz gewöhnliche“ Verführungen zu begeistern. Wenn Sie es dennoch versuchen wollen, sollten Sie beide Stränge der Geschichte, also die Abwehr und die Bereitschaft, möglichst transparent schildern. Denken Sie daran, dass sich die Leserin gerne selber in der Rolle sieht, und je mehr sie sich beteiligt fühlt, umso besser.

Thematisieren: die Furcht vor den Folgen kontra Freude an der Lust

Will man der Verführung mehr Farbe verleihen, so kann man viele Wege gehen. Einer der Bekanntesten besteht darin, dass sich die Frau wohl gerne verführen ließe, aber sich nicht sicher ist, welche Folgen dies für sie haben könnte. In früheren Zeiten war es die gesellschaftliche Ächtung und die mögliche Schwängerung, während die heutigen Heldinnen eher die Reise in ein unübersehbares Abenteuer fürchten, wie beispielsweise SM-Aktvitäten.

Das doppelseitige Spiel: Sich verführen lassen

Eine sehr hübsche Variante für Frauen besteht darin, von vornherein zu wissen, dass sie verführt werden wollen, sie aber für den Verführer immer wieder Hindernisse aufbauen, um seine Bemühungen zu erschweren und weiter anzustacheln. Bei dieser Variante müssen Sie nicht so sehr auf die Gefühle achten, sondern können dem äußeren Geschehen breiten Raum geben – und dabei auch durchaus etwas Humor beweisen.

Situative Verführungen

Eine sehr moderne Variante der Verführung, die Sie sicher schon einmal in einmal in einem Film gesehen haben, ist die Verführung aus einer neutralen Situation heraus. Das Paar hat sich getroffene, um etwas zu diskutieren, und plötzlich beschließt einer von beiden, den anderen zu verführen, während dieser sich zu Anfang sträubt. Aus einem normalen sozialen Kontakt wird also eine Verführung. Geschichten dieser Art sind in der Regel sehr kompakt aufgebaut, sodass sie sich auch für Kurzgeschichten eignen. Je normaler der anfängliche Kontakt, umso erregender ist es für die Leserin, in den Strudel der Verführung hineingerissen zu werden. Falls Sie keine Scheu vor lesbischen Szenen haben, können Sie ihre Heldin situativ durchaus von einer Frau verführen lassen. Das klingt zwar merkwürdig, ist aber für Autorinnen höchst plausibel, weil sich Frauen in der Regel besser in die Gefühlswelt anderer Frauen hineindenken können als in die Gefühle der Männer.

Die Frau als Verführerin

Ich habe die Frau als Verführerin schon zwei Mal erwähnt: einmal, indem sie vorgibt, die Verführte zu sein, und einmal als gleichgeschlechtliche Verführerin. Selbstverständlich waren Frauen immer aktive Verführerinnen, aber erst in den letzten Jahren ist die einer breiten Öffentlichkeit bewusst geworden. Wenn Sie eine Frau schildern, die aktiv verführt, und wenn Sie aus der ICH-Position heraus schreiben, sollten Sie sich mit der Rolle intensiv auseinandersetzen. Eine Verführerin hat einen Grund, zu verführen, und sie benötigt Konsequenz, um dieses Ziel zu erreichen, das heißt, sie „spielt nicht ein bisschen Verführung“. In den letzten Jahren ist das Thema „Ältere Frau verführt deutlich jüngeren Mann“ populär geworden, das umso mehr verzückt, je unschuldiger sich der junge Mann der Verfügung unterwirft.

Zusammenfassung – Verführungen

Die/der Verführte

Die Person, die verführt wird, sollte mit beiden Gefühlssträngen, also dem ablehnenden und dem begierigen Zweig geschildert werden. In einem Roman lassen sich beide Zweige bereits zuvor ansatzweise skizzieren, die Kurzgeschichte lebt ausschließlich vom Moment des “inneren Konflikts“. Beides gilt im Wesentlichen nur dann, wenn der/die Verführte als Icherzähler auftritt oder der/die Verführte im Fokus steht.

Die/der Verführer(in)

Zweckmäßigerweise bleiben Verführer oder Verführerin Stichwortgeber, wenn die Geschichte aus der Sicht des/der Verführten erzählt wird. Handelt es sich jedoch um die Verführerin selbst, die als Icherzählerin fungiert oder die stark im Fokus steht, so muss die Heldin (der Held) genügend Konsequenz zeigen, um sein Ziel durchzusetzen. Aus meiner Sicht ist die schwieriger zu realisieren, vor allem für weibliche Autoren.